Architekten, auf die Straße!

Geschrieben am: 08.12.2011

Eines direkt vorweg: Geschmäcker sind verschieden und über Architektur lässt sich streiten. Wenngleich dies nicht so einfach ist. Während der eine auf seinen Flachdachbungalow schwört, will der andere nie wieder auf sein Schrägdach mit Giebel verzichten. Die Frage ist doch: Wer ist Schuld daran, dass unsere Häuser und Städte so trostlos sind? Eine Frage, die auch die FAZ kürzlich im Feuilleton zu beantworten versucht hat.


Wer offenen Auges durch seine Stadt läuft und sich einmal genau umsieht, der wird feststellen, dass an nahezu jeder noch freien Lücke gebaut wird. Verantwortlich sein für das neue Stadtquartier will dann aber hinterher plötzlich niemand mehr. Als Beispiel dient hier die HafenCity Hamburg – jenes neue Viertel, in dem etwa 700 Menschen leben sollen und in das etwa 800 Millionen Euro investiert werden. Die Wasserlage ist einzigartig, die entstandene Fußgängerzone ein Desaster. Das sieht nicht nur der FAZ-Redakteur so, sondern auch die Autorin dieses Artikels, die einige Jahre in Hamburg gelebt hat.


Im Fokus des Areals standen Büroflächen. Nicht zuletzt – so zumindest wurde argumentiert – damit sich das Ganze rechnet. Ohne jedoch zu berücksichtigen, dass immer mehr Büroflächen in Hamburg leer stehen. Hier wurde zu spät an die Menschen gedacht, für die der Wohnraum in der Hansestadt knapp und knapper wird. Das Ergebnis: Trostloser Beton und Backsteinwandschluchten geben sich hier die Klinke in die Hand, der öffentliche Raum verödet und nach Ansicht des FAZ-Autors ist das Überseequartier der HafenCity so etwas wie das Potemkinsche Dorf der globalen Ökonomie, eine Simulation von Urbanität, ein Stadtbild anstelle der Stadt. Wo über Architektur debattiert wird, geht es meistens um spektakuläre Einzelprojekte. Über die Vororte, die Stadtviertel jedoch wird viel zu wenig gestritten.


Da erschwingliche Wohnungen in der HafenCity rar sind und sich der gängige Normalverdiener eine Wohnung in der so Möchtegern-hippen, aber gleichzeitig öden HafenCity kaum wird leisten können und der Wohnraum überdies in der Stadt knapp wird, wandern Familien in die Vororte ab, wo dank der Massivhausbauer die Freiheit des Bauherrn zerstört und jeglicher architektonischer Anspruch auf der Strecke geblieben ist. Nicht zuletzt, weil eine Bauindustrie, die an diesen in Rekordzeit hochgezogenen Fertighauskisten sehr gut verdient, kein Interesse daran hat, Alternativen zu apricotfarbenen Dämmputz und Plastiksprossenfenstern zu zeigen. Es dürfte kein Geheimnis sein, dass eine Massivhaus-Baufirma neben Provision vom Putzer auch Sonderpreise vom Plastikfensterhersteller bekommt und Extrawünsche des Bauherrn der Baufirma somit Mehrarbeit bereitet und seinen Gewinn schmälert. Was also tun, um aus verödeten Städten und trostlosen Vororten architektonische Highlights und lebenswerte Viertel zu machen? Für den Feuilletonisten gibt es auf diese Frage nur eine Antwort: „Man müsste demonstrieren gehen gegen die Massivhausbauer und die Vorortplaner und die Quastenheinis, und auch die Architekten sollten endlich mal auf die Straße gehen, damit man sieht, dass es sie noch gibt, die Architekten, die Straße.“

 

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